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Robert Schumanns verlorene Träume

Pressespiegel

Rheinische Post Nr. 9 vom 12.01.2010
FEU Kultur, von Wolfram Goertz

Man kennt diese Sorte Sprecherstimmen aus den Privaten, vorzugsweise von Sachen wie „RTL explosiv“ oder „Galileo Mystery“: Wenn sie reden, sirrt immer ein Thriller auf ihren Stimmbändern, da ist eine große, düstere Chose im Anflug, man sollte vorsichtshalber den Atem anhalten. Eine solche Stimme hören wir nun als Moderatoren-Sound ausgerechnet in „Robert Schumanns verlorene Träume“, einem Dokumentarfilm, der im Sommer ins öffentlich-rechtliche Fernsehen kommt und jetzt zur Uraufführung in der Düsseldorfer Tonhalle zu sehen war. Andererseits: Dieses Leben Schumanns war selbst ein explosives, mysteriöses Drama. Mit zahllosen Höhen und Tiefen. Mit Trunksucht, Melancholie und Jähzorn. Mit verhinderter Pianisten-Karriere und vor Gericht eingeklagter Hochzeit. Mit Jubel des Publikums über bedeutende Werke und mit Neid auf die eigene Gattin, weil sie als Pianistin das Geld für die Familie verdiente. Mit Euphorie über die Musikdirektorenstelle in Düsseldorf und mit Gram über die joviale Ablehnung der hiesigen Musiker, weil er weder dirigieren konnte noch gern redete. Und mit allen Bestandteilen eines ordentlichen deutschen Wahnsinns, der bei Schumann wie bei vielen Geistesgrößen seiner Zeit einer Krankheit zuzuschreiben war: der Syphilis. So kam es mit der Zeit, dass der von den Spätfolgen dieser Geschlechtskrankheit (und anderen Dämonen) Umwitterte am Rosenmontag 1854 in den Rhein sprang und bald - auf eigenen Wunsch – zur Heilung, in Wirklichkeit jedoch zum langsamen Sterben in die Nervenheilanstalt Bonn-Endenich gebracht wurde.

In seinem Kopf war am Ende alles durcheinander, angefressen, aufgeweicht. Der Film stellt die Syphilis als Klammer in den Vordergrund, sie ist Peitsche und Schwungrad, das schon früh Schumanns Leben beschleunigt - durch Scham, Depressivität, Selbsthass. Die Seuche, von Schumanns Anbetern als Todesursache aus falscher Pietät lange abgewiesen, steht jetzt, da die Endenicher Krankenakten veröffentlicht sind, übrigens unstrittig als die große Geißel dieses Komponistenlebens vor uns. Dass es daneben noch Nebenkrankheiten in seinem morbiden Leben gab, ist unbestritten.

Volker Schmidt-Sondermann als Regisseur und Axel Fuhrmann als Produzent haben eine sehr ansehnliche, gut recherchierte und stimmungsvoll bebilderte Mixtur aus Doku-Drama und Filmkunst komponiert. Trotz der Syphilis: Der Film ist nicht reißerisch, nicht aufdringlich, nicht indezent. Er beginnt beim Sprung in den Rhein, blendet dann ins Leben zurück, um bald wieder Kurs auf den Niedergang zu nehmen. So sehen wir Städte von heute mit ihrem historischen Kernbestand: Zwickau, Heidelberg, Leipzig und Dresden, schließlich die Düsseldorfer Altstadt und das Rheinufer. Dann kommt auch noch Brahms, den Gattin Clara ganz niedlich findet und für einen genialen Komponisten hält. Ihr Gatte leidet da bereits an Schreibhemmungen. In der Tat, über allem Klingen war Kampf bei Schumann: Kampf um Anerkennung, um Dominanz, um Clara, um finanzielle Sicherheit, um Verdrängung, um Heilung von der Seuche, um Erlösung. Man könnte einwenden, dass der Film zu wenig auf den grandiosen Komponisten abhebt. Indes: Ist der nicht jahrzehntelang hinreichend bekannt gemacht worden? Ist die Biografie eines disparaten Lebens nicht mindestens so bannend?

Zwischendurch kommen immer wieder Musiker als nachschöpferische Zeugen zu Wort, etwa Kurt Masur und Hélène Grimaud. Während Masur altmeisterlich über Schumanns Poesie und übervolle Fässer der Phantasie spricht, bietet Grimaud tiefsinnige Einblicke und einige schier explosive Erkenntnisse zu Robert und Clara; wenn eine berühmte Pianistin über eine berühmte Pianistin spricht, hat das Unterströmungen der Kompetenz, die hier unerwartet anbranden. Im Umfeld der Biografik sind Professoren der Musikwissenschaft wie Beatrix Borchard oder Bernhard Appel Garanten für Seriosität. Die Schauspieler sind entzückend, voran Philip Hagmann als allmählich verzweifelnder Komponist.


Kontakt:
Axel Fuhrmann,
Leiter Entwicklung und Produktion



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