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Traumberuf Diplomat? –
Alltag in Deutschlands Botschaften

Buch: Michael Rutz und Silke Gondolf
Regie: Silke Gondolf
Redaktion: Sabine Reifenberg
Länge: 43'30 min
Format: DigiBeta 16:9
Produktion: merkur.tv GmbH im Auftrag des NDR
Sendetermin: einsfestival, Mo., 12.07.2010, 16:25 Uhr

Sie dürfen ungestraft falsch parken, genießen Immunität und bewegen sich im feinen Zwirn elegant im Glanz der High Society. So die landläufige Meinung über Diplomaten. Doch die Realität sieht anders aus. Diplomaten machen einen harten Job. Sie repräsentieren Deutschland in aller Welt. Sie bauen Brücken zwischen den Kulturen und helfen Staatsaffären zu vermeiden, in Krisenregionen wie Kenia oder in Wirtschaftgroßmächten wie China. Nur selten gewährten Diplomaten bisher Einblicke in ihr Tagesgeschäft. Für diese Reportage öffnen jetzt zwei Botschafter erstmals exklusiv die Tore ihrer Residenzen: Walter Lindner in Nairobi und Michael Schäfer in Peking. Und wie wird man Diplomat? Um dies zu erfahren, begleitet der Film Susanne Vogt, eine angehende Diplomatin, bei ihrer Attaché-Ausbildung in Berlin bis zur Vereidigung.

Traumberuf Diplomat? – Alltag in Deutschlands Botschaften gewährt seltene Einblicke in den Arbeitsalltag von Profi-Diplomaten. Für das Privatleben bleibt oft nur wenig Zeit. Und kaum haben sie sich irgendwo in der Welt eingelebt, müssen sie weiter ziehen. Ohne die nie nachlassende Neugier auf fremde Länder und Menschen ist das nicht zu schaffen. Und oft ist eine große Portion Einsamkeit mit im Spiel. Diplomaten repräsentieren ihre Heimat, von der sie getrennt sind, nach der sie sich aber umso mehr sehnen. Botschafter wechseln alle 3-5 Jahre ihren Standort. Was das für ihre Familie und soziale Beziehungen bedeutet, macht dieser Film deutlich.

Trotzdem ist der Diplomatische Dienst ein begehrtes Karriereziel. Kaderschmiede der Deutschen Diplomaten ist Reiherwerder in Berlin. Hier pauken jährlich durchschnittlich vierzig Attachés für ihren Traumberuf. Einige werden später Botschafter oder Botschafterinnen. Eine anspruchsvolle Ausbildung, die neben einem komplexen Allgemeinwissen auch die Persönlichkeit stärken soll. Am Ende der Ausbildung steht die Vereidigung. Susanne Voigt (32) wird nach vielen schweren Prüfungen ihren ersten Posten in Hanoi antreten und ihren Lebensgefährten mitnehmen.

Ein lauer Sommermorgen auf der Halbinsel Reiherwerder bei Berlin, Nebel steigt auf über dem Tegeler See. In der Kaderschmiede Deutscher Diplomaten herrscht schon reger Betrieb.

„Bloß ruhig bleiben!“, denkt sich Susanne Voigt. Doch sie ist nervös, denn sie ist die Nächste. Jede Minute muss sie vor laufender Kamera ein Statement zur Deutschen Politik in der Nahrungsmittelkrise abgeben. Und das auch noch in fließendem Französisch, vor den Augen ihrer 40 Mitstudenten.

Susan und die anderen gehören zur 63. „Crew“ der Akademie des Auswärtigen Amtes auf Reihenwerder in Berlin. Vor ein paar Monaten (2. Mai 2008) haben sie mit ihrer einjährigen Ausbildung begonnen. Neben Zeitgeschichte, Volkswirtschaftslehre und internationalem Recht werden auch Sprachen und Rhetorik geschult.

„Mut, Demut, Anmut“ wird den Studenten beigebracht, denn das sind die drei Tugenden eines Diplomaten. Daran muss Susanne Voigt denken, als sie ihren Vortrag hält und ihr Puls eine „ähnlich hohe Frequenz“ erreicht. Für sie sind diese Fähigkeiten auch gefragt, wenn „man sich im Anschluss auch noch seine ungemein unelegante Aussprache dieser ansonsten sehr anmutigen Sprache anhören muss“.

Ihr einziger Trost bleibt: „Jeder kommt mal dran!“ Mitleid und Scham sind nicht angebracht: „Room for Improvement“ gibt es bei allen. Rhetorik will gelernt sein, denn Reden ist eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Diplomaten.

Ein Tastenlöwe in Afrika

Das muss auch Walter J. Lindner immer wieder erfahren. Der studierte Pianist ist deutscher Botschafter in Nairobi. Im Januar 2008 gelang es ihm überraschend, den wegen vermeintlichen Terrorverdachts festgesetzten Musiker Andrej Hermlin aus kenianischer Haft zu befreien.

Zwei Tage hat Lindner mit Reden verbracht, mit Vertretern des Geheimdienstes, dem Außenminister, dem Sicherheitsminister, sämtlichen Polizeiebenen, Wirtschaftsbossen.

„Und zwar ohne großes Aufsehen“, sagt Lindner, denn es bestand „die Gefahr, dass der Fall zwischen die Mühlsteine gerät.“

Der fast zwei Meter große Hüne ist erfahren und bei Kenias Politikern ein respektierter Mann. Ohne seinen Einsatz, so glauben viele, wäre die Befreiung Andrej Hermlins nicht möglich gewesen.

Walter Lindner setzt immer wieder auf persönliche Eindrücke als Grundlage für seine diplomatischen Gespräche. So besucht er die Slums in Nairobi häufig auch im Alleingang. Für seine Bodyguards einen Alptraum.

Das Leben in Kenia ist nicht einfach: 42 Ethnien, die nicht immer friedlich miteinander auskommen. Nach der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Mwai Kibaki am 27. Dezember 2007 kam es zu großen Unruhen im Land. Eine Viertelmillion Menschen musste fliehen, 700 starben. Allein 35 in einem kleinen Gotteshaus am Stadtrand von Eldoret. Sie hatten dort Schutz gesucht.

Auf solche Bilder bereitet einen die diplomatische Laufbahn nicht vor. Da muss auch Walter Lindner spüren, wie begrenzt die Möglichkeiten der Politik sind, im Dialog Frieden zu vermitteln.

Seit zwei Jahren ist er in Kenia. Er liebt Afrika, das Land, seine Menschen und seine Kultur. Wenn der Diplomat keine Worte mehr findet, setzt er sich ans Klavier. Gerne auch mit jungen kenianischen Künstlern, das ist seine Art zu entspannen.

Musik ist für ihn auch ein wichtiges Mittel im Bereich der Diplomatie. Im April 2008 richtete er zum zweiten Mal ein besonderes Musikfestival aus. Im sonst eher ruhigen Botschafterviertel spielten die bekanntesten Gruppen des Landes. Es sollte ein Versöhnungsfest unter dem Motto „Kikwetu“ (Unsere Tradition) sein. Zu den knapp 2000 Gästen gehörten der Außenminister und die Justizministerin Kenias sowie der US-Botschafter. Bis vier morgens wurde gefeiert, und der kenianische Außenminister tanzte.

Im Reich der Mitte

Wie wichtig, kulturelle Veranstaltungen sind, bei denen sich die Länder begegnen, weiß auch Dr. Michael Schaefer, Botschafter in China. Solche Festlichkeiten auszurichten gehört zu seinem Job. So heißt es im Gesetz über den Auswärtigen Dienst:

„Der Beamte des Auswärtigen Dienst ist verpflichtet, Im Ausland außerhalb der regelmäßigen Arbeitszeit die sich aus dem Auftrag des Auswärtigen Dienstes ergebenden Aufgaben wahrzunehmen, insbesondere die notwendigen Kontakte zu pflegen und zu fördern und Deutschen zu helfen.“

„Diplomatie ist das Erzeugen von Goodwill für das eigene Land im Ausland“, formuliert es ein Botschafter, oder: „Man muss die Vorstellungen vom eigenen Land in die Sprache und Vorstellungen des anderen Landes umformen können.“ Und natürlich: „Diplomatie ist werdende Geschichte“, man muss also voraus denken können, was aus kleinen Vorgängen werden kann, wie man unerwünschte Folgen verhindert, „der Verhandlungsgegner muss zum Partner gemacht werden, der einem einen Gefallen tun will.“

Die Arbeitsschwerpunkte liegen, je nach Botschaft, unterschiedlich. In den klassischen bilateralen Botschaften innerhalb der Europäischen Union wie London oder Paris steht – da die Regierungschefs und Minister sich ohnehin ständig in Brüssel treffen – nicht so sehr die Außenpolitik im Vordergrund, sondern das Verständnis der Innenpolitik des Gastlandes und die Übersetzung eines willkommenen Deutschlandbildes. Die bilateralen Botschaften außerhalb der EU – Peking, Washington, Neu Delhi oder Moskau beispielsweise – müssen auch Scharnier der Außenpolitik sein, sie müssen vermitteln hin zur EU und nach Deutschland. Ähnlich ist das in den kleinen Botschaften der Entwicklungsländer, ob an der Elfenbeinküste oder in Namibia oder auch in Kenia: hier stehen wegen des eingeschränkten außenpolitischen Gewichts solcher Länder meist entwicklungspolitische Fragen im Vordergrund.

Der Spitzendiplomat Dr. Michael Schaefer hat sich bereits als Mann für schwierige Fälle einen Namen gemacht. Seine Berufung wurde als Signal gewertet, dass die Bundesregierung die weltpolitische Bedeutung Chinas anerkennt.

Seit August 2007 sind Dr. Schaefer und seine Familie in Peking. China ist „ein Wunschposten“ für ihn. Dass das Diplomatenleben für die Familie nicht immer einfach ist, weiß auch er zu berichten.

Leben mit Heiß-Kalt-Effekt

Schon bei den Bewerbungsvorgesprächen werden die Diplomatenanwärter darauf hingewiesen, dass dies eine Entscheidung fürs Leben ist. Diplomat sein ist mehr als ein Beruf - eine Berufung!

Alle drei bis fünf Jahre wechseln sie ihren Arbeitsplatz. Während ihres Berufslebens ziehen sie mehr als ein Dutzend Mal um. Gerade dieser ständige Wechsel kann auch eine Belastung für die Beschäftigten und ihre Angehörigen darstellen. Häufige Umzüge, weite Entfernung von der Heimat, schwierige klimatische Bedingungen, andersartige Lebensumstände und ein eingeschränktes Privatleben - das macht Beziehungen nicht gerade einfach.

Das Diplomatenleben ist anstrengend. Diplomaten erwähnen den „Heiß-Kalt-Effekt“: Eben noch war man in einem kleinen Land als Botschafter ganz vorne auf den Einladungslisten, zurück „im Amt“ in Berlin sind Mann und Ehefrau „Nobodies“.

Trotzdem bewerben sich jedes Jahr rund 2.000 Frauen und Männer für den höheren Dienst. Hauptziel ist es, diejenigen zu finden, die intellektuell flexibel und vielseitig interessiert sind. Sie dürfen Neues nicht als Belastung, sondern als Bereicherung empfinden. Nach schriftlichem und mündlichem Auswahlverfahren bleiben schließlich 35 bis 45 übrig. Diese müssen sich dann noch einer ärztlichen Untersuchung und einer Sicherheitsüberprüfung unterziehen, bevor sie Anfang Mai des folgenden Jahres zu Attachés ernannt werden.

Die „Auserwählten“ bilden dann eine Crew, einen Jahrgang an der Akademie. Viele alt gediente Diplomaten schwärmen noch heute von dem „Crewgeist“, den Freundschaften, die sie dort geknüpft haben und die ein Leben lang halten.

Die jungen Attachéanwärter auf Reiherwerder, dem „schönsten Campus in Berlin“ stellen sich den Herausforderungen gerne:

„Die Geschichte der internationalen Beziehungen ist nicht immer vom Ergebnis her zu verstehen; Manchmal lässt sie sich sogar besser als Serie von „Betriebsunfällen“ begreifen – und wir haben vielleicht einmal die Chance dabei zu sein.“


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