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Interview

Er war ein Revolutionär!

Kurt Masur zum bevorstehenden Schumannjahr 2010 über den Idealisten Robert Schumann, der keineswegs ein Träumer war.

 

Axel Fuhrmann im Gespräch mit Kurt Masur

Axel Fuhrmann: Finden Sie es berechtigt, dass Robert Schumann bis heute als melancholischer Romantiker gilt?

Kurt Masur: Wir haben die pauschale Beurteilung von Komponisten immer noch viel zu sehr im Auge. Beethoven muss immer wie ein Löwe aussehen und Mozart ist der graziöse, leichte Komponist. Bei Schumann war es noch schlimmer. Sein bekanntestes Werk ist die Träumerei. Aber deswegen war er keineswegs ein Träumer. Er war ein Revolutionär. Das war er literarisch, das war er als Musiker und das war er auch im Kampf um die Heirat mit Clara Wieck. Er war ein Feuerkopf. Das spiegelt sich in seinem Werk.

Fuhrmann: In welcher Werkgattung zeigt sich der „Feuerkopf“ Schumann am deutlichsten?

Masur: Die Sinfonien, Lieder und Klavierwerke muss man auf der gleichen Ebene sehen. Es sind Werke voller Poesie aber auch voller Feuer, voller Temperament. Und er experimentiert mit ungewöhnlichen Instrumentierungen. Er scheut sich nicht schroffe und harte Töne zu finden, wo es um Auseinandersetzungen und Konflikte musikalischer Art geht. In dieser Hinsicht war er einer der Wegbereiter Gustav Mahlers.

Fuhrmann: Warum?

Masur: Die Natur der beiden war sehr ähnlich. Mahler in seiner Zerrissenheit war ein genauso unruhiger Geist wie Schumann. Schumann bekam zwar den Ausgleich durch Clara aber seine letzten Jahre waren ja eine Qual für ihn mit all diesen mentalen Störungen. Sein Selbstmordversuch und die letzten Jahre in Endenich sind eine große Tragödie.

Fuhrmann: Welche Verantwortung hat Clara für das spätere Schumannbild?

Masur: Sie hat ihn verteidigt bis zu Schluss. Sie hat ihn ja laufend weiter gespielt, auch als er tot war. Die Stärke dieser Frau ist für mich bewundernswert. Es gibt viele Geschichten, die zu beweisen versuchen, dass sie ihn hat fallen lassen, was nicht stimmt. Clara hat Schumann im Endenich nicht besucht auf Anraten des Arztes. Ich glaube Clara war auch ratlos, wie sie mit der Situation umgehen sollte, denn die Behandlung von mentalen Krankheiten war in der damaligen zeit völlig unerforscht. Vor Clara mache ich eine tiefe Verbeugung. Was diese Frau erduldet hat ist enorm.

Fuhrmann: Ist denn das grausame Ende eines Künstlers wichtig für dessen posthume Wahrnehmung?

Masur: Nein, überhaupt nicht! Die Rezeption von Schumann war von vorneherein schwierig. Er blickte mit seinem Schaffen schon zu Lebzeiten so weit voraus in die Zukunft, dass ihn kaum einer verstand. Er verband als erster die Romantik mit der Klassik.

Fuhrmann: Sind seine Liederzyklen dafür beispielhaft?

Masur: Natürlich. Aber noch deutlicher seine Orchesterwerke. Die zweite Sinfonie ist ja geschrieben, nach seinem ersten Anfall mentaler Krankheit und seinem ersten Selbstmordversuch. Und er hat versucht sich mit diesem Werk wieder gesund zu komponieren. Also als Komponist war er ungeheuer abhängig von seinem inneren Zustand. Bei Beethoven war das ähnlich, aber der hatte die Fähigkeit das zu überspielen. Bei Schumann spürt man die Sensibilität in jedem Detail und viel stärker.

Fuhrmann: Was ist das, was Schumanns Sinfonik so einzigartig macht?

Masur: Die außergewöhnliche Fähigkeit Stimmungen zu vermitteln in einer Weise wie es zuvor nicht möglich war. Der Beginn der zweiten Sinfonie etwa. Diese schmerzerfüllte Traurigkeit, die Schumann dann in eine Läuterung verwandelt, die im Positiven endet.

Fuhrmann: Als Mendelssohn Gewandhauskapellmeister in Leipzig wurde, platzte ein Traum Schumanns. Er hatte sich Hoffnungen auf diese Position gemacht. Haben die beiden sich gemocht?

Masur: Ich glaube Mendelssohn und Schumann haben sich sehr geachtet. Sie kannten genau die Stärken des anderen. Wir wissen ja, wie Schumann in der „Neue Zeitschrift für Musik“ den jungen Johannes Brahms begrüßte. Für Schumann gab es keine Eifersucht in künstlerischen Dingen. Er war ein sehr lauterer Charakter.

Fuhrmann: Schumann übersiedelte später von Leipzig nach Dresden. Hier schreibt er seine einzige Oper „Genoveva“. Warum gelang ihm damit nicht ebenso Außergewöhnliches wie in seinen Sinfonien?

Masur: Schumann war immer ein Vorreiter. Auch im geistigen Sinne. Und „Genoveva“ seine einzige Oper war eine mittelalterliche Liebesgeschichte, die ihn sehr fasziniert hat. Und ich bin traurig, dass diese für mich musikalisch enorm starke Oper, nur selten gespielt wird. Ich glaube die Regisseure von heute haben nicht genügend Fantasie das Stück so darzustellen, wie Schumann es mit seiner enorm starken Vorstellungskraft gemeint hat. Es könnte genauso ein Riesenerfolg werden wie Hoffmanns Erzählungen von Offenbach. Ich habe noch nie einen Regisseur gefunden, der in der Lage war, das zu erfassen.

Fuhrmann: Wo genau liegt die kompositorische Stärke dieser Oper?

Masur: Schumann war ein begnadeter Liedkomponist und „Genoveva“ braucht bei der Besetzung gerade das: großartige Liedersänger. Bei Genoveva wäre jeder italienische Tenor fehl am Platze. Ich hatte das Glück damals Fischer Dieskau als Grafen zu besetzen. Man braucht beides: die Schönheit des Liedgesanges gepaart mit der enormen Dramatik dieses Stückes.

Fuhrmann: Wagner übernahm von Dresden aus die Hoheit über die Entwicklung der neuen Opernform. Warum nicht Schumann?

Masur: Für Schumann wäre die Oper immer etwas zu theatralisches gewesen. Er hat sie gescheut. Vielleicht hat das zu tun mit dem kleinen Wort „semplice“ was Schumann in seinen Klavierwerken aber auch in den Sinfonien sehr häufig schreibt. „Semplice“ bedeutet einfach. Schumann will nichts raffiniert wiedergegeben wissen. Er will die einfache Liedhaftigkeit und die Ehrlichkeit seiner Musik richtig dargestellt wissen. Das funktioniert nicht in der Oper, die immer auf den theatralischen Effekt aus ist.

Fuhrmann: Was kann Schumanns Charakter den Menschen heutzutage geben.

Masur: Er war ein Mann, der intuitiv seine Bestimmung so gesehen hat wie er gelebt hat und nicht danach gefragt hat, was danach kommt. Die Katastrophe, die dann geschehen ist, war von ihm nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Ich halte Robert für einen der stürmischsten Geister, die damals versucht haben, der Welt etwas Neues mit zu geben. Und damit meine ich nicht nur seine Musik, sondern auch seine edlen Gedanken. Er war ein Idealist!

Fuhrmann: Ein Idealist, der durch seinen Idealismus zu Fall gebracht wurde?

Masur: Robert war ein Mann, der so voller Einfälle, so voller Emotionen war, dass er wie ein Fass zum überlaufen voll war. Dieser unglaubliche Einfallsreichtum hat ihn am Ende zerstört. Er wollte immer noch mehr, als er gerade geschaffen hatte.

 


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