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Lieber Angriffen der alliierten Tiefflieger ausgeliefert sein, die auf alles schießen, was sich bewegt, als in die vermeintliche Sicherheit zurückkehren. Lieber das eigene Leben und die Maschine verlieren, an der er jahrelang bei Bombenangriffen gearbeitet und die er mit dem letzten Zug aus dem brennenden Berlin geschafft hat, als sie in dem unterirdischen Rüstungswerk Dora zu verstecken. Dort, wo Tausende KZ Häftlinge bei den Arbeiten an Wernher von Brauns Raketenwaffe qualvoll zu Grunde gehen.
Diese Gedanken bewegen im März 1945 den erst 35 Jährigen Konrad Zuse. Auf der Ladefläche seines Lastwagens in Kisten verpackt: die Z4, einer der ersten Computer der Welt. Diese Maschine ist der Beginn einer rasanten Entwicklung, die unsere Welt für immer verändern sollte. Kaum ein Haushalt in den Industrienationen, in dem kein PC steht, kein Wirtschaftszweig, der nicht ohne Hilfe von Hochgeschwindigkeitsprozessoren auskäme.
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, inmitten seiner dramatischen Flucht, steht Zuse jedoch erst einmal vor einer wegweisenden Entscheidung. Sein Entschluss steht fest. Er will nachts mit dem Lastwagen seinen Computer ins Alpenvorland schaffen, abseits gelegene Straßen nehmen, damit er den Alliierten nicht in die Hände fällt. Aber den sicheren Platz in Wernher von Brauns bombengeschützten Stollen kann er nicht annehmen. Dort hat er die Hölle des dritten Reichs gesehen. Will nur noch vergessen.
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Konrad Zuse in einem Henschel-Lkw
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Konrad Zuse, Sohn eines preußischen Beamten, bekannt für seinen derben Humor, passionierter Maler, verkannter Forscher und Tüftler, Träger des Bundesverdienstkreuzes, gescheiterter Unternehmer, Visionär und nicht zuletzt Erfinder des ersten frei programmierbaren Rechners – des Computers, obwohl ihm das Patent mit der heute absurd erscheinenden Begründung „fehlende Erfindungshöhe“ verwehrt wird. Ein Schlag, von dem sich Zuse Zeit seines Lebens nicht mehr erholt. Denn das bedeutet im Klartext, dass er gar nichts erfunden hat.
Die Geschichte des eigenbrödlerischen und unverstandenen Computerpioniers beginnt vor 100 Jahren in Berlin. Hier wird Konrad Zuse am 22. Juni 1910 geboren. Als Kind arbeitet er stundenlang mit seinem Stabilobaukasten oder bannt mit Bleistift und Tusche seine Umwelt auf Papier. Er beginnt ein Maschinenbaustudium, das ihm aber zu „trocken“ und langweilig ist. Und deshalb heuert er als Werbegrafiker bei Ford an.
„Die Machtergreifung der Nationalsozialisten brachte die Entscheidung zwischen Technik oder Kunst“, erinnert sich Zuse später. Er erkennt mit Schrecken, mit welcher Geschwindigkeit die Nazis viele Kunstrichtungen als entartet verbieten. Zuse kann und will sich nicht lenken lassen, schreibt sich in Berlin Charlottenburg für das Bauingenieurstudium ein.
„Eine ausgesprochene Abneigung hatte ich gegen statische Rechnungen, mit denen man uns Bauingenieurstudenten quälte. Die Professoren bewunderte ich wie Halbgötter aus einer anderen Welt. Würde ich das je begreifen?“
Zuse begreift, beendet sein Studium und wird 1936 bei den Henschel Flugzeugwerken als Statiker in einem Heer genannter „Rechenknechte“ eingestellt. Er berechnet Tragflächenvibrationen. Die hoch komplizierten aber immer nach dem gleichen Schema ablaufenden Kalkulationen sind dem jungen Mann ein Graus. Er beginnt, sich Gedanken über eine Maschine zu machen, die ihm diese Arbeit abnehmen könnte. Der „eigenen Faulheit wegen“, wie er später offen zugibt: „Ich bin zu faul zum Rechnen!“
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Zuse und seine Mitarbeiter 1938
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Zuse kündigt kurzerhand seine Stelle und überzeugt seine Eltern davon, dass er in ihrem Wohnzimmer die erste vollautomatische Rechenmaschine der Welt bauen kann. Ihre Funktionsweise erklärt Zuse lapidar mit den Worten: „Aus gegebenen Angaben nach einer Vorschrift neue Angaben bilden“. Zuses Vater ist längst pensioniert, lässt sich aber wieder einstellen, um seinen Sohn finanziell zu unterstützen. Freunde aus seiner Theaterlaienspielgruppe sägen in mühsamer Handarbeit 30.000 kleine Metallblätter zurecht.
„Zuses Enthusiasmus war ansteckend und er kämpfte besessen für seine Vision“, erinnert sich Zuses Sohn Horst. Nach zwei Jahren stellt Zuse enttäuscht fest, dass seine Z1 nicht funktioniert. Die Metallplättchen in dem zweimal drei Meter großen ratternden Monstrum klemmen zu oft. Zuse beginnt mit dem Bau eines neuen Rechners, in dem er die Metallplättchen durch Telefonrelais ersetzt. Alles auf eigene Kosten. Doch dann kommt der 1. September 1939.
Hitler überfällt im Blitzkrieg Polen und rüstet sich für den Westfeldzug. Zuse findet seinen Einberufungsbescheid in der Post. Viele seiner ehemaligen Kollegen bei Henschel halten Zuse für einen „Spinner“, aber der Abteilungsleiter für Flugbomben setzt sich für Zuses Freistellung ein. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Kurz vor Beginn der Westoffensive erhält Zuse die rettende Nachricht. Er wird freigestellt und arbeitet Tag und Nacht an seinem neuen Computer, kauft im Kilopreis ausrangierte Telefonrelais. Da die Spannung bei den defekten Relais nicht gleich ist, muss er sie alle mühsam neu von Hand wickeln – ca. 2500 Stück.
Am 12. Mai 1941 ist Zuses großer Tag. Er führt seine „Z3“ Vertretern der Henschel Werke und Hermann Görings Deutscher Versuchsanstalt für Luftfahrt vor. Über einen 35mm Normalfilm, in den Löcher gestanzt sind, werden vollautomatisch Befehle an die Maschine weitergeben. Die Taktfrequenz liegt bei 5,3 Hertz. Ein heutiger Prozessor arbeitet zum Vergleich über 600 Millionen mal schneller.
Eine Addition dauert beinahe eine Sekunde, das Ziehen der Quadratwurzel fast vier Sekunden. Aber sie funktioniert. Das ist die Geburtsstunde des Computerzeitalters.
Doch Zuses Erfindung wird verkannt. Zwar darf er ein Nachfolgemodell, die Z4, und einen Spezialrechner zur aerodynamischen Berechnung von Flügelprofilen bauen, aber Unterstützung im großen Stil wird „für diese Spielerei“ abgelehnt. Zuses Angebot, innerhalb von zwei Jahren ein elektronisches Gerät zur Flaksteuerung zu entwickeln, wird mit der Antwort quittiert, in zwei Jahren sei der Krieg längst gewonnen.
Fast vier Jahre später ist die blinde Kriegseuphorie im Bombenhagel der Alliierten erstickt. Zuses Patenteinreichung von 1941 steckt in den bürokratischen Mühen des sich auflösenden NS-Beamtenapparats fest. Der einzige Lichtblick in dieser Zeit ist seine Liebe zu Gisela Brandes. Kurz vor Ende des Krieges heiraten sie. Zuse arbeitet fanatisch an seiner Z4. Wenn die Sirenen heulen und alle in die Luftbunker rennen, arbeitet er seelenruhig an seinem Computer weiter. Erst wenn das Pfeifen der Bomben und die ersten Explosionen zu hören sind, verlässt auch Zuse seine Werkstatt.
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Hier wohnte Zuse mit seiner jungen Familie
in Hinterstein
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Durch eine geschickt eingefädelte Verwechslung mit von Brauns Raketenprogramm gelingt es Zuse, seine Maschine im März 1945 vor der herannahenden roten Armee in Sicherheit zu bringen. Er verlässt Berlin mit dem allerletzten Zug. Das Angebot, seinen Computer in von Brauns bombensicheren Katakomben in der Außenstelle des KZ Buchenwald zu verstecken, kann er nur ablehnen. Die dortigen Horrorzustände wird Zuse sein Leben lang nicht vergessen.
Er fährt nachts mit dem Lastwagen weiter. Schritttempo, denn Licht darf er nicht machen. Bei Hof rasen auf einmal Tiefflieger auf den Lastwagen zu. Zuse springt in einen Graben, doch die Piloten eröffnen nicht das Feuer, jagen über ihn hinweg und verschwinden. Die Fahrt geht weiter, bis sich die hohen Bergmassive der Alpen vor ihm auftürmen. Und hier trifft er Wernher von Braun, der ebenfalls nach Südbayern geflohen ist.
Von Braun kann mit Zuses Computerforschung nichts anfangen. Eine Ironie des Schicksals, denn von Braun wird das amerikanische Raumfahrtprogramm und die Mondlandung ohne Computerunterstützung nicht verwirklichen können. Zuse hingegen will die Gruppe um von Braun schnell wieder verlassen. Angesichts des Todeslagers in Thüringen ist Zuse sicher, dass die Raketenbauer nach dem Krieg lange Gefängnisstrafen oder Schlimmeres zu erwarten haben.
Doch hier irrt Zuse. Er versteckt seine Maschine in dem kleinen Ort Hinterstein, in einer Turnhalle, im Gasthaus Steinadler und anderen Verstecken über den Ort verteilt.
Er hält seine Familie nach Kriegsende mit dem Malen kitschiger Bergpanoramen über Wasser, die er an GIs verkauft. Von ihnen erfährt er, dass sich der Amerikaner Howard Aiken weltweit als Erfinder des Computers feiern lässt. Mit seinem 1944 fertig gestellten Computer hatte Aiken den Bau der Hiroshima und Nagasaki Atombomben ermöglicht. Zuse fühlt sich in seiner Ehre angegriffen, lief seine Z3 doch bereits 1941. Aber wie sollte er das beweisen?
Zuse kommt in dieser schweren Zeit der Zufall zu Hilfe. Über einen mit Zuse befreundeten deutschen Filmregisseur erfährt der Lochmaschinenhersteller IBM von Zuses Arbeiten. IBM sichert sich für jährlich 1500 Reichsmark die Option auf Lizenzrechte an Zuses Patentantrag, obwohl sich der Direktor skeptisch äußert: „Ich denke, es gibt weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer.“ Als IBM Zuse anbietet, die Patentansprüche zu übernehmen, aber nur unter der Bedingung, dass Zuse nie wieder einen Computer baut, lehnt er brüskiert ab.
Er gründet 1949 die ZUSE KG, das erste privatwirtschaftliche Computerunternehmen der Welt. Doch bald revidiert IBM sein vorschnelles Urteil. In der Industrie, in Universitäten, in der Rüstung, beim Wettlauf zum Mond – überall werden jetzt Computer gebraucht. IBM wirft als Multikonzern seine ganze Macht in die Waagschale und kann schnell Zuses kleiner Firma das Wasser abgraben. Fehlentwicklungen und eine dünne Kapitaldecke führen dazu, dass die Zuse KG letztlich von Siemens aufgekauft wird. „Zuse Verlustrechner“ titeln die Zeitungen damals. „Es kam noch schlimmer. Die 60er waren für meinen Vater ein niederschmetterndes Jahrzehnt“, erinnert sich Konrad Zuse.
1967, 26 Jahre nach Einreichung seines Patents, erfolgt der Urteilspruch. Wegen „fehlender Erfindungshöhe“ wird eine Patenterteilung abgelehnt. „Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern“, sagt der Sohn Konrad Zuse, „Mein Vater saß zu Hause zusammengesunken auf einem Stuhl in der Ecke. Er hat nie darüber gesprochen!“
Zuse wendet sich verbittert der Malerei zu, mit der er teilweise mehr verdient als mit seinen Computern. Doch der Technik den Rücken kehren, das kann er nicht. Er entwickelt Ideen über sich selbst reproduzierende Fabriken, Konzepte für Windkraftanlagen, für die sich heutzutage Energieunternehmen interessieren, und stellt seine Theorie des Universums als großem Computer vor. Damals von der Wissenschaft verlacht, heute eine heiß diskutierte Hypothese.
Kurz vor seinem Tod trifft er Bill Gates auf der Cebit und überreicht ihm eins seiner Gemälde. Ein Porträt des amerikanischen Computer- und Softwareunternehmers.
Je älter Zuse wird, desto kritischer beäugt er, wie der Computer alle Lebensbereiche erobert. Bis zu seinem Tod weigert er sich standhaft, eine PC Tastatur zu berühren. „Wenn die Computer zu mächtig werden, dann zieht den Stecker aus der Steckdose“, ist eins seiner lakonischen Statements. Am 18. Dezember 1995 stirbt der Computerpionier nach seinem zweiten Herzinfarkt.
Filmische Umsetzung
Zum 100. Geburtstag des Computerpioniers gibt der Film Einblicke in die Pioniertage einer epochalen Entwicklung, die unser Leben heute umfassend bestimmt. Die Technik steht jedoch niemals für sich. Sie ist eingebettet in Zuses persönlichen und dramatischen Kampf um Anerkennung als Erfinder wie Unternehmer und den damit verbundenen Niederlagen. Rückblenden in die Vergangenheit wechseln sich mit Einblicken in die heutige Computerforschung und Anwendungen ab. Immer wieder lassen die Vergleiche mit der heutigen Technik das Visionäre von Zuses Entwicklung umso stärker hervortreten.
Zeitzeugen, die Zuse auf seinem Weg begleitet haben und Zusianer, ehemalige Mitarbeiter seiner Firma, kommen ebenso zu Wort wie Familienmitglieder. Historisches Filmmaterial über Konrad Zuse, auch aus NDR Archiven (3 Teiler aus den 60er Jahren), dokumentarische Neudrehs an Originalschauplätzen sowie reduzierte Re-Inszenierungen bringen dem Zuschauer das Wesen und Wirken, Triumphe und Niederlagen Zuses nahe. Internationale Experten, wie Bill Gates, der Zuse persönlich gekannt hat u. a., bewerten Zuse als einen der wichtigsten Entwickler und Erfinder der Computertechnologie.
Mr. Bit ist eine biografische Dokumentation, in der Konrad Zuses wechselhaftes und dramatisches Leben in die Zeitgeschichte (Weimarer Republik, Machtergreifung, Zweiter Weltkrieg, Besatzungszeit, Währungsreform und Wirtschaftswunder) eingebettet wird.
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