Dr. Wilhelm Füßl über die Arbeit des Computererfinders Konrad Zuse im Zweiten Weltkrieg und die Rettung seiner Z4 aus Berlin.
merkur.tv: Konrad Zuse wurde kurz vor dem Zweiten Weltkrieg eingezogen, wurde aber dann vom Kriegsdienst befreit.
Füßl: Zuse hat das getan, was jeder von uns auch getan hätte. Er versuchte jemanden zu finden, der ihn unabkömmlich, also „UK“ stellt. Das machte Herbert Wagner, der Entwicklungschef der Henschel Flugzeugwerke. Wagner war ein großer Förderer Zuses und er rette ihm damit das Leben.
merkur.tv: Konrad Zuse arbeitete ja an militärischen Anwendungen. Glauben Sie, dass er dabei moralische Bedenken hatte?
Füßl: In den Erinnerungen, auch im Nachlass, den wir hier im Archiv des Deutschen Museums verwahren, finden wir darauf keine eindeutigen Hinweise. Zuse sieht die Chance technische Entwicklungen zu optimieren und dafür Rechner einzusetzen. Moralische Bedenken kann ich bei ihm nicht erkennen und als Ingenieur suchte er die Anwendung.
merkur.tv: Er arbeitet dann an der Z3, dem ersten programmierbaren Rechner. Das muss doch eine Doppelbelastung gewesen sein. Tagsüber bei Henschel im Rüstungsbetrieb, abends privatwirtschaftliches Unternehmen. Eine Kräfte zehrende Doppelbelastung oder?
Füßl: Er arbeitete ja halbtags für Henschel, um mehr Zeit für seine Projektentwicklung der Z3 zu haben. Gleichzeitig bekommt er in dieser Zeit schon Fördergelder des Reichsluftfahrtministeriums. Der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt hatte er seine Maschine schon vorgeführt. Man sah das Potential und er bekam Geld, das aber noch über den Umweg der Henschel-Werke lief.
merkur.tv: Im Mai 1941 führt Zuse die Z3 bei der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt vor.
Füßl: Zuse muss das selbst als besonderes Datum gesehen haben, denn mit diesem Besuch beginnt er ein Gästebuch, das sich heute noch erhalten hat. Genau der12. Mai…
merkur.tv: Welche Bedeutung hatte diese Vorführung der Z3 für Zuse?
Füßl: Zuse scheint die Vorführung besonders wichtig gewesen zu sein. Mit diesem Datum beginnt er ein eigenes Gästebuch, in dem sich viele Einträge renommierter Wissenschaftler und Militärs finden. Er erkennt die Bedeutung dieses Moments für seine Karriere, denn mit dieser Vorführung wird er noch viel stärker in den nationalsozialistischen Machtapparat hineingezogen. Seine Entwicklungen bekommen mehr politisches Gewicht.
merkur.tv: Hat denn der Führungsstab um Hitler von der Rechenmaschine erfahren?
Füßl: Albert Speer, Reichsminister für Bewaffnung und Munition, soll Hitler von Zuses Computer erzählt haben. Es gibt dafür keine Beweise und Zuse selbst wusste das offensichtlich auch nicht. Speer hat Hitler wohl auf die Bedeutung von Rechnern für den Endsieg hinweisen und Hitler soll geantwortet haben: „Dazu brauche ich keine Rechner, dazu habe ich meine Soldaten“. Fest steht aber, dass Zuse und seine Arbeit im Fokus des Reichsluftfahrtministeriums stehen, das ihn mit 250.000 Reichsmark unterstützt.
merkur.tv: In den 40er-Jahren arbeitete er dann weiter an der Z3 und der Z4. Er baut eine Firma auf, die „Zuse Ingenieurbüro und Apparatebau Berlin“, die bis zu 20 Mitarbeiter hat. Wie schafft er das?
Füßl: In dieser Zeit, zwischen 1940 und 1945, erhält Zuse Forschungsmittel von NS-Institutionen. Ein großer Teil dieser Mittel geht an die Henschel Flugzeugwerke. Hier hat er auch die Logistik, die er braucht. Seine Entwicklungen werden offensichtlich „kriegswichtig“, sonst könnte Zuse selbst keine Mitarbeiter „UK“, also unabkömmlich, stellen. So stellt sich Zuse sein zwanzigköpfiges Team zusammen.
merkur.tv: Kurz vor Kriegsende flüchtet Zuse aus dem brennenden Berlin. Seine Z3 ist zerstört. Einzig die Neuentwicklung Z4 ist ihm geblieben.
Füßl: Dr. Funk, einer der Physiker, der für ihn arbeitete, organisiert einen Eisenbahnwaggon, in dem die Z4 und auch die Mitarbeiter aus Berlin heraus gebracht werden sollten. Die Aktion muss perfekt geplant gewesen sein, denn Zuse hat bevor er aufbrach, eine genaue Inventarliste der Gegenstände und Dokumente, die er aus Berlin mitgenommen hat, inklusive der Rechner, der Rechnerteile und ein bisschen Werkzeug erstellt. Zuerst flieht er nach Göttingen. Dann rücken die Alliierten näher und wieder tritt Dr. Funk in Erscheinung, der kurzzeitig auch zur Gruppe um Wernher von Braun gehörte. Von der Braunschen Mannschaft kann er einen Lastwagen organisieren und offensichtlich bewegen sich sowohl Wernher von Braun wie auch Zuse nach Süden ins Allgäu.
merkur.tv: Stimmt es, dass man die Z4 als V4 deklarierte, damit sie als Teil einer Raketenwaffe von Brauns ungehindert die Kontrollen passieren konnte?
Füßl: Ja, mit dieser Verwechselung hat man gespielt. Die V-Waffen waren bekannt. Wenn ein Rechner V3 oder V4 heißt, dann musste das die Wunderwaffe schlechthin sein.
merkur.tv: Sind Wernher von Braun und Zuse sich persönlich begegnet?
Füßl: Das liegt erstaunlicherweise im Dunklen. Wernher von Braun war auf das Berechnen von Flugbahnen angewiesen, das war ein ganz entscheidender Faktor. Er stand auch mit anderen Pionieren der Rechentechnik in Verbindung. Also läge es nahe zu vermuten, dass die beiden sich kannten. Zu Zuse scheint aber kein direkter Kontakt bestanden zu haben. Vielleicht, weil Zuse seine Rechner außerhalb der Universitäten entwickelte. Die Universitäten waren deutlich besser vernetzt.
Dr. Wilhelm Füßl ist Leiter der Hauptabteilung Archiv des Deutschen Museums München. Das Gespräch führte Christian Heynen.
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